9. November in Bochum

In Berlin wurde gestern das 30-jährige Jubiläum des Mauerfalls groß gefeiert. Aus astrologischer Sicht sind andere Daten interessanter, zum Beispiel die erste Saturn-Wiederkehr des Mauerfalls, der sich bekanntlich unter einer denkwürdigen Saturn-Neptun-Konjunktion ereignete.

Die exakte Wiederkehr auf die Saturn-Position 10° 02` im Steinbock geschah übrigens bereits  am 21. Dezember 2018. Und so war das Jahr 2018 von Überlegungen zu den Feierlichkeiten und vom Scheitern einiger Ideen geprägt. Außerdem begannen erste Diskussionen über die Mauer in unseren Köpfen….

Eine ausführliche Analyse rund um den Mauerbau und Mauerfall hat meine Kollegin Susanne vom Loop geschrieben, hier im Blog war das Horoskop des Mauerfalls vor 12 Jahren Thema.

Mich interessiert jedoch in diesen Tagen ein anderes „Jubiläum“. Vor 81 Jahren, in den frühen Morgenstunden des 10. November, genau genommen morgens früh um sechs Uhr zerstörte eine Horde von Nazis das Geschäft des jüdischen Ehepaares Max und Henny Michel in der Bochumer Innenstadt.

Novemberprogome in Bochum, 10. November 1938, 6.00 Uhr (MEZ), Bochum
Datenquelle: Hubert Schneider. Die „Entjudung“ des Wohnraums. Berlin 2010. S. 278

Auch die Wohnung der Familie über dem Geschäft wurde verwüstet. Max Michel wurde verhaftet, seine Frau und die Tochter konnten in den nächsten Tagen in der Wohnung von Freunden übernachten. Die Synagoge und die daran angrenzende jüdische Schule wenige 100 Meter entfernt waren bereits in der Nacht in Flammen aufgegangen.

Können wir uns heute vorstellen, wie es Frau Michel und ihrer Tochter ergangen ist? Welche Ängste und Nöte diese Familie und unzählige andere jüdische Familien in diesen Tagen und Nächten erlebt haben? Wer einen Funken Mitgefühl in sich trägt, kann nur entsetzt sein über diese Eskalation von Gewalt und die viel schlimmeren Taten, die folgten.

Rückblickend kann man sagen, dass die Novemberprogome eine neue Stufe der Gewalt und Ausgrenzung bis hin zur Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland markieren. Nach dem Anschlag auf eine jüdische Synagoge in Halle vor wenigen Wochen scheint es wichtiger denn je, Solidarität mit diffamierten Minderheiten zu üben, sich gegen jede Form von Hetze zu wehren und für ein Miteinander einzusetzen.

Das Ladenlokal der Familie Michel gibt es übrigens heute immer noch. Ich wohnte lange Zeit, vom Ende meines Studiums bis zur Gründung des DAV-Ausbildungszentrums – eine ganze Mondknotenrunde lang – genau gegenüber, ohne um die Geschichte dieser Familie zu wissen.

In 2020 werden zwei Stolpersteine vor dem ehemaligen Geschäft von Max und Henny Michel verlegt. Max und Henny Michel starben im KZ Stutthoff, nachdem sie im Januar 1942 zunächst ins Ghetto nach Riga deportiert wurden.

Es war ihnen trotz großer Anstrengungen nicht gelungen, rechtzeitig zu emigrieren. Ihre Lebensgeschichte wird demnächst auf der Seite der Bochumer Stolpersteine zu lesen sein.

P.S. Ausnahmsweise habe ich darauf verzichtet, das Horoskop des Überfalls in den frühen Morgenstunden des 10. November zu deuten. Mir fehlen die Worte. Offenbar stößt hier die Astrologie mit ihren Aussagemöglichkeiten an Grenzen. So lasse ich am Ende lieber Trettmann sprechen.

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