Merkur und das geflügelte Rad

Heute um 17.27 Uhr, eine halbe Stunde vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-EM 2008, treffen Sonne und Merkur (Merkur im Rückwärtsgang, siehe hier und da), punktgenau aufeinander, bei 17 Grad und 14 Bogenminuten. Und auch die Venus ist weniger als ein halbes Grad entfernt.

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Merkur und die drei Grazien in Sandro Botticellis „Primavera“, um 1482

In der klassischen Astrologie werden Merkur und Venus in unmittelbarer Nähe zur Sonne als „verbrannt“ bezeichnet, das bedeutet in etwa, dass die Sonne, die als gigantischer Feuerball im Mittelpunkt unseres Planetensystems steht, mit ihrer Hitze die bedeutend kleineren Planeten überwältigt.

Lassen wir die alten Deutungsregeln zur Verbrennung mal beiseite, finden sich drei Prinzipien auf engstem Raum wieder. Die Sonne, die für das Ego und das Bewusst-Sein steht, Merkur-Hermes, der kleine, flinke Götterbote und Venus, die als Göttin der Liebe für Schönheit, Ästhetik, Erotik und Genuss zuständig ist.

Da dieses Stellium im Zeichen Zwillinge zustande kommt, erlaube ich mir, einige  Facetten des Merkur in Kunst und Design (Venus) zu beleuchten (Sonne).

Der Renaissance-Künstler Sandro Botticelli malte Merkur als schönen Jüngling. Am linken Bildrand stehend, beschützt er den Garten der Venus. Er trägt ein Schwert und vertreibt mit seinem Caduceus, dem geflügelten Stab, die Wolken. Sein Helm und die Schuhe sind mit Flügeln versehen, welche die Beweglichkeit, Schnelligkeit und Leichtigkeit des Merkur-Prinzips veranschaulichen.

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Außenfassade der Königlichen Eisenbahndirektion Berlin, Foto: Andreas Steinhoff

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts veränderte sich die Rolle der Merkur-Attribute, das geflügelte Rad wurde zum Wahrzeichen der Eisenbahner, aber auch die AEG (Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft) bediente sich des neuen Symbols, um für ihre moderne Technik zu werben.

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Werbeplakt der AEG von Louis Schmidt, 1888

Was hätte wohl William Lilly, der berühmte Stundenastrologe des 17. Jahrhunderts dazu gesagt? Ich vermute, er hätte den Eisenbahner in die Liste seiner Merkur-Berufe aufgenommen, ebenso wie den Postboten oder andere neue Berufe. Und ganz sicher hätte er auch seine Merkur-Orte-Liste um Bahnhöfe, Autowerkstätten und Parkhäuser ergänzt, so dass sie zwischen Kegelbahnen, Tavernen, Schulen, Tennisplätzen, Märkten und Handelsgeschäften zu finden wären.