Olga von Ungern-Sternberg und der heilige Gral

Heute vor 120 Jahren wurde Olga von Ungern-Sternberg als Olga Hedwig Paula Ida Thümmel in Berlin-Lichterfelde geboren. Vor einer Saturn-Runde landete ich nach meinem Studium als „Mädchen für alles“ in ihrer Praxis. In den Jahren, die ich in der Kortumstraße 25 in der Praxis der alten Dame verbrachte, habe ich die Mythen als lebendige Bilder für die inneren Prozesse des Seelenlebens kennengelernt.

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Doch auch Goethes Faust und der Gralsritter Parzival spielten in der geistigen Welt der Ärztin eine zentrale Rolle. In ihren Vorträgen sprach sie immer wieder über Faust und Mephisto, über das Böse und das Gute und sie deutete den zweiten Teil der Tragödie, in dem etliche mythische Gestalten auftreten. Faust durchläuft im Verlauf der Geschichte einen Wandlungsprozess und so wird er am Ende gerettet, denn: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“

Die Vortragsreihe zur Parzivaldichtung ist als Buch erschienen: „Die Sternenschrift im Gralsgeschehen“. Parzival ist ein Ritter und er sucht den heiligen Gral. Der Gral ist ein Symbol für die tiefe Selbsterkenntnis. Buddhisten sprechen von der Erleuchtung, Alchemisten vom Stein der Weisen, doch hier wie dort geht es darum, zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Das Interessante an der Geschichte des Parzivals sind seine ständigen Irrtümer. Wolfram von Eschenbach nennt ihn einen tumben Toren, doch Parzival ist nicht unsensibel. Er ist zu Beginn seines Weges naiv und handelt völlig unbewusst. Immer wieder macht er Fehler, weil er Situationen nicht adäquat einschätzen kann, zu Fehlurteilen kommt und sich nicht traut, selbständig zu denken.

Deshalb trägt er auch zu Beginn das Kleid eines Narren und es dauert viele, viele Jahre, bis er wirklich versteht, worum es geht und dem kranken Fischerkönig Amfortas die richtige Frage stellen kann. Ziemlich am Ende seines langen Weges begegnet er der Zauberin Kundrie, sie sagt ihm: „Was den Planetenlauf umgrenzt und was ihr Schimmer überglänzt, das hast Du Macht, dir zu erwerben.“

Sinnbildlich geht es an diese Stelle um etwas sehr Modernes, nämlich darum, sich die Kräfte der sieben alten Planeten bewusst anzueignen. Olga von Ungern-Sternberg schreibt in ihrem Buch: „Das Schicksal ist etwas, das als Form des inneren Menschen in der Außenwelt erscheint. Das Schicksal nur erlebend hinzunehmen genügt nicht; das Ich muss sich damit auseinandersetzen, weil es die Grundform seines Wesens darstellt, mit der es in ein neues Bewusstsein hineinsteigern kann, wenn das Ich es in sich aufnimmt und integriert.“

Immer wieder bin ich froh und dankbar für meine „Lehrjahre“ in der Praxis der alten Doktorin. Im Rückblick kann ich sagen, dass es eine wichtige Zeit in meinem Leben war, in der ich entscheidende Impulse für meine Arbeit als Astrologin bekam.