Die Tarotkarte Nr. 16 – Der Turm

Die Tarotkarte „Der Turm“ wirkt auf den ersten Blick erschreckend. In der Darstellung des Rider-Waite-Tarot sehen wir Menschen, die aus einem brennenden Turm fallen. Dieses Bild weckt Assoziationen an das Attentat vom 11. September 2001, als Flugzeuge die Zwillingstürme im New Yorker Bankenviertel zum Einsturz brachten.

In der Reihe der großen Arkanen ist der Turm gemeinsam mit Tod und Teufel für viele Menschen eine beängstigende Karte. Doch wer sich mit der Bildersprache des Tarot (und der Astrologie) auseinandersetzt, nimmt die Botschaft der Karten nicht wortwörtlich, sondern lernt, Symbole als Bewegungen im Inneren der Seele zu lesen und gewinnt einen neuen Zugang zur Bilderwelt des Tarot.

Wofür steht der Turm, der auf dieser sechzehnten Karte zerstört wird? Im letzten Beitrag über Niki de Saint-Phalle, die mit ihrem Tarotgarten in der Toskana eine beeindruckende Neuinterpretation der großen Arkana schuf, habe ich das Dortmunder U erwähnt.

Das U ist ein alter Brauereiturm, der heute ein Kunstmuseum und verschiedene kulturelle Initiativen beherbergt. Und im Ruhrgebiet kennen wir uns aus mit Türmen, die für die Ewigkeit gebaut worden sind.

In der frühen Phase des Bergbaus vor 1900 baute man Fördergerüste, mit denen Kohle aus der Tiefe der Erde nach oben geholt wird, in einen Turm hinein. Die Mauern dieser Türme waren oft mehrere Meter dick und konnten große Erschütterungen aushalten. Sie wurden Malakowtürme genannt, nach einer Festung auf der Krim, die im Krieg der europäischen Großmächte von 1853 bis 1853 uneinnehmbar war.

Aufgrund der Berichterstattung über diesen Krieg wurde Malakow zum Synonym für Stabilität und Belastbarkeit. Noch heute stehen im Ruhrpott viele dieser alten Türme in der Landschaft herum. Wer sie länger anschaut, findet  einen Zugang zur symbolischen Bedeutung des Turms im Tarot. Der Turm steht für solide und feste Strukturen, die einerseits Schutz bieten und uns helfen, in schwierigen Krisenzeiten innerlich stabil zu bleiben.

Andrerseits können feste Gewohnheiten zu Zwängen werden. Sie engen uns ein und machen unflexibel. Wir reagieren unangemessen auf neue Situationen und sind wenig anpassungsfähig. Der Turm ist zum Gefängnis geworden.

Aus astrologischer Sicht sorgen Neptun und Uranus dafür, dass der Turm einstürzt. Häufig sind es die Transite dieser beiden Planeten, die einschneidende Veränderungen im Leben anzeigen. Im Rider-Waite-Tarot wird Uranus durch den Blitz symbolisiert, der in die Turmspitze einschlägt und den Turm in Brand setzt.

Im delphischen Tarot sorgt Neptun mit seinem Dreizack für den Wandel und gefährdet die stabile Ordnung. In beiden Darstellungen geht es um Lebenssituationen, in denen wir festgefahren sind und uns nicht mehr bewegen können. Alles ruft nach Veränderung, doch irgendetwas in uns sträubt sich. Doch die Mauern, die ursprünglich für Sicherheit und Stabilität gesorgt haben, müssen einstürzen, damit es weitergeht und Entwicklung stattfindet.

Rio Reiser, Frontmann der Ton Steine Scherben, hat mit seiner Band in den achtziger Jahren die großen Arkanakarten vertont. Dass der Zusammenbruch alter Strukturen überaus freudvoll sein kann, wird deutlich, wenn man sich diesen Ausschnitt aus einem Live-Konzert der Scherben von 1983 anschaut. Halleluja, der Turm stürzt ein!

Wer bei einer Kartenlegung den Turm zieht, erschrickt erst einmal. Die großen Umbrüche im Leben sind immer eine Herausforderung und selbst Veränderungen zum Guten können verunsichern. Doch Leben heißt Bewegung und der einstürzende Turm ist immer ein Weckruf. Es geht darum, den Wandel zuzulassen und nicht in alten Gewohnheiten zu erstarren.