Frohe Weihnachten in diesem Coronajahr

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr ist meine Freundin Beate gestorben. Sie war 14 Jahre älter als ich, ihr Saturn gegenüber von meinem Saturn.

Wir lernten uns 1987 in der Praxis der alten Doktorin Olga von Ungern-Sternberg kennen und haben ein paar Jahre dort zusammen gearbeitet.

Beate kannte nicht nur etliche Gedichte, sie konnte sie auswendig aufsagen und hat mir im Laufe von Jahren und Jahrzehnten viele schöne Gedichtbände geschenkt. Ich nehme sie immer mal wieder in die Hand und während ich lese, erinnere ich mich an Beate und bewundere die Sprachkünstler, die mit ihren Worten zauberhafte Bilder malen können, allen voran Rilke und Hölderlin.

Das Weihnachtsgedicht in diesem Jahr aber kommt von Kurt Tucholsky und ist der Großstadt gewidmet. Es ist ein bisschen zynisch, denn Tucholsky war bekanntlich einer der wichtigsten Gesellschaftskritiker der Weimarer Republik. Die guten Wünsche an alle Leserinnen und Leser zum heiligen Fest kommen dennoch von Herzen.

Frohe und friedliche Festtage und nicht vergessen, die Tage werden jetzt wieder länger, das Licht kehrt zurück.

Kurt Tucholsky Großstadt-Weihnachten

Nun senkt sich wieder auf die heim’schen Fluren
die Weihenacht! die Weihenacht!
Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,
wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.
Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?
Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.
Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,
den Aschenbecher aus Emalch glasé.
Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen
auf einen stillen heiligen Grammophon.
Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen
den Schlips, die Puppe und das Lexikohn,
Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,
voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,
dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:
»Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!«
Und frohgelaunt spricht er vom ›Weihnachtswetter‹,
mag es nun regnen oder mag es schneien,
Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,
die trächtig sind von süßen Plauderein.
So trifft denn nur auf eitel Glück hienieden
in dieser Residenz Christkindleins Flug?
Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden
„Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.“