Olga von Ungern-Sternberg

Am 24. November 1995 feierte Frau Dr. med. Olga von Ungern-Sternberg ihren hundertsten Geburtstag. Viele DAV-Mitglieder, insbesondere ältere Kollegen und Kolleginnen, kannten sie als Vortrags-Rednerin von den Astrologie-Kongressen in den siebziger und achtziger Jahren.

Als homöopathische Ärztin hat Frau Ungern-Sternberg bis zu ihrem 93. Lebensjahr täglich Patienten behandelt. Jeden Freitag abend hielt sie in ihrer Praxis astrologische Vorträge über die Horoskope berühmter Persönlichkeiten. Nach einer schweren Krankheit zog sich die Doktorin ab 1989 allmählich aus der Praxisarbeit zurück und übergab zum 1. Januar 1994 ihre Praxis offiziell an eine Nachfolgerin.

Kindheit und Jugend

Am 24. November 1895 um 12 Uhr 56 (GMT) wurde sie als Olga Thümmel in Berlin-Lichterfelde geboren.

Ihr Vater war als Offizier im Dienste des preußischen Königs tätig. Er starb in den ersten Monaten des ersten Weltkrieges. Wie die gesamte geistige Elite Deutschlands, so hat auch Frau von Ungern-Sternberg den Beginn des ersten Weltkrieges als einen ungeheuren Einbruch erlebt, alle Jugendfreunde und ihr Vater starben in diesem Krieg.

Sie selbst absolvierte zu Kriegsbeginn eine Pflegeausbildung und arbeitete als Rote-Kreuz Schwester im Lazarett. 1916 begann sie als eine der ersten Frauen in Deutschland ein Medizinstudium, 1920 machte sie ihr Staatsexamen und ließ sich anschließend in München bei Dr. Freiherr von Gebsattel zur Psychotherapeutin ausbilden.

Die golden zwanziger Jahre

Im Verlauf der nächsten Jahre entwickelte sie die Grundzüge ihres Weltbildes und darauf aufbauend ihrer therapeutischen Arbeit. Das Jahr 1923 spielte hier eine wichtige Rolle, zunächst entdeckte sie die Astrologie und oft beschrieb sie selbst diese Entdeckung als ein Schlüsselerlebnis, das ihr zum einen half, die Schrecken des Krieges zu verarbeiten, zum anderen fühlte sie sich gleich vertraut mit der astrologischen Bildersprache: „Es war so, als ob ich mich nur erinnern müßte.“ Sie fand in den Bildern der Astrologie eine Beziehung zum Kosmos und hat ein Leben lang dieses Wissen als eine innere Kraftquelle für sich nutzen können.

Außerdem heiratete sie 1923 den Freiherrn von Ungern-Sternberg. Und lernte im selben Jahr Graf Hermann Keyserling kennen, der sie mit den Pionieren der damaligen „spirituellen Szene“ bekannt machte. In Keyserlings „Schule der Weisheit“ hielt Frau Dr. von Ungern-Sternberg auch einen ihrer ersten Vorträge, und zwar zur einheitlichen Wirklichkeit des biologischen und psychischen Geschehens. Diese Thematik bildete auch den Kern ihres 1928 erschienenen Buches „Die innerseelische Erfahrungswelt am Bilde der Astrologie“.

In diesem Buch entwickelte sie Grundlagen einer psychologischen Astrologie in der Auseinandersetzung mit den verschiedenen psychoanalytischen Richtungen der zwanziger Jahre.

Die Leipziger Jahre

1929 ging sie nach Leipzig, um nach Jahren der klinischen Arbeit und Urlaubs-Vertretungen für andere Ärzte eine eigene Praxis zu gründen. Ein Jahr später wurde ihr Sohn Manfred geboren, der heute in Detmold als homöopathischer Arzt arbeitet. Hier in Leipzig blieb Frau von Ungern-Sternberg bis 1955. Unbeeinflußt von äußeren Widrigkeiten arbeitete sie als praktische Ärztin und Psychotherapeutin. Kurz nachdem sie sich niedergelassen hatte, begegnete sie zunächst der Homöopathie und dann der anthroposophischen Medizin.

Und ebenso intuitiv, wie sie sich die Astrologie angeeignet hatte, lernte sie nun mit den potenzierten Mitteln die kranken Menschen zu behandeln. Sie war sehr erfolgreich und beliebt als Ärztin und oft arbeitete sie bis spät in die Nacht, um noch Patientenhoroskope fertigzustellen oder die griechische Mythologie zu studieren.

Denn schon in den dreißiger Jahren arbeitete sie an einer astropsychologischen Deutung der 12 Taten des Herakles, die dann in ihrem wohl wichtigsten Buch unter dem Titel Grundlagen kosmischen Ich-Bewußtseins (1977) erschien.

Als unter dem Nationalsozialismus die Astrologie verboten wurde, verlegte sie ihre astrologische Tätigkeit in die Nachtstunden. Nur wenige Vertraute wussten von den geistigen Grundlagen ihres ärztlichen Schaffens.

Nach der Gründung der DDR wurde ihre Arbeit erneut behindert, dieses Mal durch ein Verbot der anthroposophischen Heilmittel. Über viele Jahre wurden diese nun heimlich in den Osten gebracht. Die Firmen Wala und Weleda verzichteten auf eine Bezahlung, um die Arbeit der Doktorin zu unterstützen.

1955 wurde ihr die Atmosphäre in der „Ostzone“ zu unfrei, wie sie selbst gerne erklärte. Im Alter von sechzig Jahren, nach der zweiten Saturn-Wiederkehr, verließ sie Leipzig mit zwei Koffern, nachdem sie zuvor das Orakel des I Ging befragt und das I Ging mit dem Zeichen Nr. 4 Mong/Die Jugendtorheit geantwortet hatte.

Zunächst fuhr sie nach München zu ihrem Sohn, der dort Medizin studierte. Als dann einige Mitglieder der anthroposophischen Gesellschaft in Bochum ihr Praxisräume anbieten konnten, kam sie nach Bochum in die Kortumstraße 25, wo sie bis 1997 leben und praktizieren sollte.

Die Bochumer Jahre

In Bochum begann ein neuer Abschnitt ihres Tuns, nachdem sie Mitte der sechziger Jahre auf einer Tagung von Ärzten und Seelsorgern Hermann Weidelener kennenlernte. Weidelener war ein Schüler Rudolf Steiners und hatte in Augsburg die Religionsphilosophische Arbeitsgemeinschaft begründet. Zwei verwandte Seelen und Geister trafen aufeinander und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft und Verbindung.

Hermann Weidelener lud sie ein, auf Schloß Weidenkam Vorträge über die griechische Mythologie zu halten. Und nachdem dort eine Vortragsreihe stattgefunden hatte, war der Impuls für die Vortragstätigkeit der nächsten zwanzig Jahre und die Buchveröffentlichungen 1977 und 1983 gegeben.

Obwohl für Astrologen die Sternenschrift im Heraklesmythos (so lautet der Titel der zweiten Auflage) auf den ersten Blick ergiebiger erscheint, lohnt es sich doch auch, die Sternenschrift im Gralsgeschehen zu lesen. Nicht zuletzt ist die Geschichte vom heiligen Gral und das Wissen um dieses Symbol für Frau von Ungern-Sternberg selbst eine lebenslange Kraftquelle gewesen. Außerdem erzählen die Geschichten vom Fischerkönig Amfortas und Parzifal, dem „tumbem Toren“ in bildhafter Form vom Weg der Selbstentwicklung, von Krankheiten und dem Heilwerden, kurz von den Themen und Fragestellungen, die im Zentrum des Leben von Frau Dr. von Ungern-Sternberg gestanden haben.

Dieser Artikel wurde im Herbst 1995 in der Astrologie-Zeitschrift Meridian-Magazin veröffentlicht, Anlass war der 100. Geburtstag von Frau von Ungern-Sternberg. Es war der erste Artikel zum Start von Astrologos am 18. Juli 2002.

P.S. Frau von Ungern-Sternberg verstarb am 22.11.1997. Einen Nachruf können Sie auf den Seiten des Online-Magazins Sternwelten lesen.